“Vom 17. Januar bis 28. Februar 2009 sind in einer Doppelausstellung im Centre Culturel Français Freiburg und dem Kulturwerk T66 (bis 22.02.09) unter dem Titel „Les Antichambres“ Farbfotografien der Mulhouser Künstlerin Anne Immelé zu sehen.
Die Serie „Les Antichambres“ („Die Vorzimmer“) porträtiert den städtischen Raum im Dreiländereck und die Menschen, die in und mit diesem leben.Die „Vorzimmer“: Häuser, kauernd wie fragile, ausgelieferte, schutzlose Körper, künstlich angelegtes „Planland“, verlassene Wohnsiedlungen und leere Parks. Fassaden, die es auszufüllen und Landstriche, die es zu vermessen oder zu verlassen gilt. In Konstruktion begriffene Räume, die kommende Brüche bereits in sich zu tragen scheinen, rissige und wunde Böden. Diesen unbewegten Mächten werden Gesichter zur Seite gestellt – fahl, abwesend, manchmal trotzig, starren sie meditativ in die Ferne, scheinen einem anderen Teil der Welt zu begegnen. Bei Anne Immelé stellt die städtische Landschaft das Gegenteil eines stummen, alles umhüllenden und Sicherheit gebenden Hintergrunds dar. Diese latenten Unruheherde sind zugleich Quellen der Erkenntnis, die dazu einladen, unsere Visionen von Urbanität zu überdenken.
 
“Uns : es handelt sich um uns. WIR  hat sie diesem Werk als Titel gegeben : Dieses Wort oder dieser Name erscheint auf dem einzigen Bild, wo Buchstaben das Zentrum der Sichtbarkeit einnehmen. Sie nehmen es mit einer klaren Lesbarkeit ein, die eine singuläre Undurchsichtigkeit des Sinns verdoppelt. Dem unmittelbaren Anschein nach ist es ein Eigenname, von germanischem Mitklang, den ein Geschäft oder eine Firma als Name führt. Wenn aber Eigennamen generell keine Bedeutungsträger sind, so reproduziert dieser hier das deutsche Pronomen wir, das [im Französischen] “nous” bedeutet. Auf einer Straße im Elsass (da es hier um Mulhouse geht) klingt diese Bedeutung mit, und sei es noch so geringfügig. Die Fotografie verweist uns auf uns zurück und das Bilderbuch greift die Betitelung dieser Rückverweisung auf.
Aber wer denn, wir ? Wie könnte man nicht sofort sehen, dass dieses “nous” die Schwierigkeit, ja die konstitutive Aporie des “wir” im Allgemeinen, beträchtlich verstärkt. Denn dieses “wir” kann tatsächlich immer nur eine Identität postulieren, die auf sich zu nehmen, zu garantieren, und weniger noch sie als solche auszustellen kein einziger Sprecher in der Lage ist. “Wir”, das ist eine Gruppe, ein Volk, eine Ganzheit, und weder deren Einheit noch deren Bezug zu sich ist gegeben, [beide sind] höchstens gemutmaßt, behauptet. Aber dieses “wir”, hier, lässt seine Fremdheit zunehmen, zunächst dadurch, dass es auf Deutsch gesagt wird, sodann dadurch, dass es nur gesagt wird, indem es als Schild [enseigne], nicht als Zeichen [signe] angebracht ist und schließlich dadurch, dass es absolut unentscheidbar macht, ob man sich in die Richtung der Kollektivität der Fotografien wenden soll, die in diesem Buch versammelt sind, oder in die einer nicht definierten Verbindung zwischen der Fotografin und “uns”/“wir”, die wir schauen, oder aber auf ebenso weite wie unbestimmte Weise in die Richtung eines nicht spezifizierten “wir anderen”, das zu erfinden uns wiederum obläge.
Vergessen wir gleichzeitig nicht, dass man zunächst ein bisschen germanophon sein muss, um sich in dieser unterstellten ersten Person Plural auch nur mitgemeint zu fühlen… Der Nicht-Germanophone sieht da ohne Zweifel nicht mehr als ein Kürzel, eher sogar nicht mehr als nur einen Eigennamen, ein Kürzel, so wie man es zum Beispiel für “World Imaginary Reflection” bilden könnte… Er wird folglich denken, und nicht zu Unrecht, dass diese offenkundige Nichtbedeutung im Milieu der Bilder eine grundsätzliche Losgelöstheit zwischen dem Buchstaben und dem Sinn manifestiert, die uns noch nachdrücklicher zum Bild als solchem zurückführt, zu dem, was uns von ihm in den Sinn kommt, [jedoch] nicht als sein Sinn, sondern als seine Bildwahrheit, und fotografische Bildwahrheit: als dieses Aufsteigen des Zögerns in uns, das beim Anblick dieses WIR erstarrt – dieses WIR, das als reine und schlichte Sichtbarkeit sichtbar ist, als reines und schlichtes Schweben des Auges über dem Tag, der ihm das Lid hebt. Er wird folglich sofort merken, dass das als Paar dazu gehörige Bild, auf der rechten Seite, dasjenige der großen zugezogenen Vorhänge ist, die das Licht aussperren und die Sicht von Außen verhindern, nicht ohne eine Helligkeit hereinzulassen, die durchaus genügt, um den Tag kenntlich zu machen  und vielleicht sogar, wer weiss, die einzige Tageshelligkeit der ganzen Serie, die ein bisschen intensiv ist. Auf der einen Seite ein Wort, das stumm bleibt oder schweigsam, auf der anderen ein Tag, der zurückgehalten bleibt, gefiltert, gesiebt. Auf der einen wie auf der anderen Seite haben wir hier die doppelte Intrige vor uns, die uns hingehalten, vor Augen geführt wird, das doppelte Licht, das sich zurückzieht, indem es uns ansieht und uns so unser eigenes Begehren nach Sehen erhellt : Da, wo wir den Eclat wünschen, die Erleuchtung, die Manifestation, sollten wir lieber sehen, wie auf den Fotografien dieses ‘Stehende’ des Sehens gerade da auf uns zukommt, wo sich dieses offenbarende Nichts anordnet, das sich selbst gleich ist und aus dem das Reale selbst, durchscheinend und fast unsichtbar, gemacht ist – das Reale unserer Sicht der Welt : dieser Welt, in der wir uns kaum ausmachen können, niemals ohne zu zögern – wie hier, am Ende, auf dieser Wiesenweite, die in der Ferne von einer bleiernen Stadt verbarrikadiert wird  dieser Welt, auf der es uns bisweilen trotz allem gelingt, einen Augenblick lang, uns zu fotografieren.” Jean-Luc Nancy, mai 2003, extrait du livre W I R, édition Filigranes, Paris, 2003. Aus dem Französischen von Ulrike Oudée Dünkelsbühler.
les antichambres / die Vorzimmer WIR p.20-21
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La série des lacs

„Das Wasser ist seit mehreren Jahren in meinen Photographien anwesend, es hat sich dort nach und nach am Umweg eines leeren Parkplatzes oder der Oberfläche von einer Tafel, die flüssige Oberflächen wurden, wie Seeerwänungen, eingemischt. Zurück im Elsaß nach 7 Jahren Abwesenheit habe ich begonnen, die vogesischen Seen zu photographieren. Ich wollte mich direkt mit der Oberfläche des Wassers konfrontieren, das in meinen Photographien ein existentielles Element ist, das uns zu uns selbst zurückschickt. 

Die Seen erweisen sich als Atmungen, es sind Oberflächen, auf die wir unsere Ideen widerspiegeln können und durch welche wir unser Gedächtnis wiederfinden könnten. 

Heute schleichen sich Erdmassen und nachdenkliche Gesichter in die Folgen der Seephotographien, die die Stillen-, Auftauchen- und Umzingelungsgefühle erweitern.“ Anne Immelé, 

W I R WIR p.18-19
WASSERWISSEN   Berliner Gazette

“Dieses stehende und ruhende Wasser des Sees ist der Ausgangspunkt meines Essays >Die Annaeherung< [2008]. Und es war die photographische Arbeit von Anne Immele, speziell eine Serie von Seefotos, die mich dazu inspiriert hat. Man darf an dieser Stelle nicht unerwaehnt lassen, dass ich einen Text fuer sie geschrieben habe, der in dem Fotobuch >WIR< [2003] erschien. Der Gesamteindruck dieser Fotos, unter denen es bereits einige Bilder von Seen, sowie von Wasserbecken in Zoos gab, und darueber hinaus von Wasserlachen und Schwimmbaedern [es gab auch andere Fotos, ohne Wasser] - dieser Eindruck legt es nahe, von ihrer Eigenart als einer Art zu sprechen, die Dinge ruhig zu stellen, gleich zu machen und in die Laenge zu ziehen, all das in einem ziemlich konstant grauen oder verblassenden Licht. Ich habe meinen Text >Stehendes Licht< [Lumiere Etale] genannt. Etale ist im Franzoesischen ein Adjektiv, das im Begriff Stauwasser [oder auch Stillwasser] jene Phase im Zyklus von Ebbe und Flut bezeichnet, die sich zwischen das Ende des auflaufenden Wassers und den Anfang des ablaufenden Wassers schiebt. Der Wellengang wird sanfter, eine Spannung wird spuerbar, ein gewisses instabiles Gleichgewicht, das aber eine Pause einleitet.” 
“Das liegende Auge” Oberflaeche, Oeffnung und Bewegung des Wassers, Jean-Luc Nancy 2009


BIO Anne Immelé

Jahrgang 1972. Als Künstlerin im Bereich der Fotografie hat sie an zahlreichen Ausstellungen teilgenommen, unter anderem am Centre Européen d’Actions Artistiques Contemporaines (CEAAC: Europäisches Zentrum für Zeitgenössische künstlerische Aktionen), Strasbourg, am Centre Régional d’Art Contemporain de Montbéliard (Regionales Zentrum zeitgenössischer Kunst von Montbéliard), an der Galerie Dazibao, Montréal. Im Jahr 2003 hat sie mit Jean-Luc Nancy das Buch „WIR“ bei den éditions Filigranes (Paris) veröffentlicht. Ihre Fotografien gehören zu den Kunstsammlungen des Fonds National d’Art Contemporain (Nationaler Fonds für zeitgenössische Kunst in Paris) und der Staatsgalerie Stuttgart. Im Jahr 2009 hat sie mit das Buch "Les Antichambres" bei den éditions Filigranes veröffentlicht. Dozentin am Quai, École supérieure d’art de Mulhouse (Kunsthochschule, Mulhouse) und an der Universität von Strasbourg. In der Berliner Gazette begleiten ihre Fotos geistesverwandte Text-Beiträge.http://berlinergazette.de/author/jean-luc-nancy/shapeimage_9_link_0